Bienentänze faszinieren die Menschen schon seit der Zeit des Aristoteles, und das Geheimnis ihrer „Sprache“ entschlüsselte während des Zweiten Weltkriegs der deutsche Biologe Karl von Frisch. Über viele Jahre blieb jedoch rätselhaft, wie Arbeiterinnen im dunklen Bienenstock all die Details eines komplexen Tanzes erfassen. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen liefern nun eine Antwort – eine Schlüsselrolle bei der Informationsübertragung spielen die Fühler.
Neben dem Menschen sind es gerade die Honigbienen, die als einzige Tiere auf der Erde Informationen mithilfe einer symbolischen „Sprache“ weitergeben können. Beim sogenannten Schwänzeltanz beschreibt die Biene auf der Wabe eine Acht. Die Achse dieser Acht gibt die Richtung zur Futterquelle an, wobei ihre Abweichung von der Senkrechten dem Winkel zwischen der Position der Blüten und der Sonne am Himmel entspricht. Die Entfernung wiederum wird durch die Frequenz des Hinterleibswackelns angezeigt. Andere Arbeiterinnen im Stock können aus diesen Parametern sehr genau ablesen, wohin sie zum Sammeln fliegen sollen. Da im Inneren des Stocks jedoch Dunkelheit herrscht, können sie sich beim Verfolgen des Tanzes nicht auf das Sehen verlassen. Man nahm an, dass die Bienen die über die Wabe übertragenen Vibrationen wahrnehmen, doch diese Information allein reichte nicht aus, um den Tanz korrekt zu entschlüsseln.
Die Wissenschaftlerinnen Anna Hadjitofi und Barbara Webb von der University of Edinburgh konzentrierten sich auf eine detaillierte Analyse des Verhaltens der Bienen während der Tänze. Mithilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera und Infrarotbeleuchtung filmten sie Arbeiterinnen im Stock und beobachteten, wie die Bienen die tanzende Artgenossin mit den Fühlern berühren. Dabei stellten sie fest, dass die Bienen die Stellung ihrer Fühler in Abhängigkeit von dem Winkel verändern, den ihr Körper zum Körper der tanzenden Biene bildet. So können sie die „Tanzbotschaft“ effektiv „lesen“ – unabhängig davon, wie sie zur Tänzerin ausgerichtet sind, und sogar während deren Bewegung. Voraussetzung für das erfolgreiche Entschlüsseln ist die Fähigkeit, taktile Reize der Fühler mit Signalen aus dem Organ zur Wahrnehmung der Schwerkraft zu kombinieren.
Die Forscherinnen nutzten zudem ein Computermodell, das bekannte neuronale Schaltkreise aus dem Gehirn der Honigbiene simuliert. So konnten sie zeigen, dass Bienen Tast- und Gravitationssignale zuverlässig integrieren – und dabei weniger als hundert Neuronen benötigen. „Das ist außerordentlich spannend, weil es zeigt, wie elegant das Nervensystem der Biene komplexe Informationen mit minimalen Ressourcen verarbeitet“, erklärt Anna Hadjitofi. „Das Verständnis dieser biologischen Berechnungen kann uns bei der Entwicklung kleinerer und energieeffizienterer Technologien helfen.“
Von den neuen Erkenntnissen profitieren nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Imkerinnen und Imker. Ein besseres Verständnis der Kommunikation der Bienen hilft uns, den Einfluss negativer Faktoren – wie den Verlust natürlicher Lebensräume oder die Wirkung von Pestiziden – auf Leben und Gesundheit der Bienenvölker besser zu beurteilen.
aus der Zeitschrift VČELAŘSTVÍ von Jaroslav Petr und Hadjitofi, A., & Webb, B. (2024). Dynamic antennal positioning allows honeybee followers to decode the dance. Current Biology, 34


























































































































































